Unsere Städte erfahren weltweit ein hohes Wachstum. Menschen sind so mobil wie nie und ziehen der Arbeit und der Verbesserung der Lebensbedingungen wegen in die Städte, auch hier in Deutschland. Die Folge davon: Fehlende Infrastruktur, Enge und Wohnungsnot. Doch dass sich Städte ungehemmt in alle Richtungen ausbreiten und immer mehr Bauflächen hinzunehmen können, ist heute nicht mehr möglich. Zu wertvoll der Verlust an FWaldflächen, fruchtbarem Ackerland, Erholungsraum, Refugien für Mensch und Natur, Umwelt und unsere Tiere.
Wohin also mit den Menschen, die sich niederlassen möchten, woher die Flächen nehmen für den vergrößertem Bedarf an infrastrukturellen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser, Warendepots? Wie kann es trotz der Enge noch Erholungsraum in der Stadt geben?
Anhand von wegweisenden Beispielen aus den Metropolregionen Seoul, Singapur, Paris, New York, München und Hamburg hat der Fernsehsender ARTE eine 6-teilige Dokumentation mit dem Titel „Drunter und Drüber, wie Städte nachhaltig wachsen können“ herausgebracht. Jeder einzelne Film dauert ca. 20 Minten und ist empfehlenswert sich in der Mediathek anzuschauen.
Vorgestellt werden Stadtraumerweiterungen in der Vertikalen – also die Erschließung neuer Flächen unter der Erde und über den Dächern.
Bei Wohnungsknappheit muss man nicht immer nur in die Breite gehen und neue Baugebiete ausweisen. Es könnten doch auch Flächen, die überirdisch viel Raum einnehmen wie z.B. Warendepots, unter die Erde verschoben werden. Dadurch entsteht über der Erde Platz für neue Wohnungen oder Freiräume, die das Wohnumfeld aufwerten, geschaffen werden. Unterirdisch sind oft schon Flächen oder Räume vorhanden, z.B. aus stillgelegten Areale, die vor sich hin dümpeln und die reaktiviert werden könnten. Meist hat nur noch niemand daran gedacht, weil Tageslicht unter Erde undenkbar schien. Doch es gibt auch dafür technische Lösungen.
Nutzbarer Raum unter der Erde
Wenn man eine oberirdische Nutzung in einen mehrstockigen Tiefbau unter der Erde verlagert, wird oben Platz geschaffen, nicht nur zum Wohnen, sondern vielleicht auch für eine Begrünung, um die Wohnqualität eines Stadtviertels zu verbessern. Beispiele in Seoul und Singapur zeigen eindrucksvoll wie eine ganze Universität und ein Museum unter der Erde verschwinden und die verbleibende Oberfläche gleichzeitig als Erholungs- und Naturraum genutzt werden kann.
Nachverdichtungen durch Aufstockung
Nachverdichtung ist auch hierzulande schon bekannt, aber es ist doch nochmal gut. sich die Potentiale, die über den Dächern realisiert werden können, anzuschauen. Dachaufstockungen, sind gar nicht so kompliziert, wie man es vermuten mag. Wenn die zusätzlichen Lasten nicht mehr vom Gebäude aufgenommen und abgetragen werden können, gibt es Stahlkonstruktionen, die, außen aufgebracht, als eine eigene Konstruktion die Lasten zuverlässig in den Baugrund leiten.
Außerdem kann man Zeit, Geld und Lasten sparen, indem man mit Holzrahmenbauweise arbeitet. Sie eignet sich vorzüglich für eine Wohnraumerweiterung auf dem Dach, weil sie leicht ist und aufgrund des hohen Vorfertigungsgrades, schnell eingebaut werden kann. Oftmals müssen noch nicht einmal die Bewohner des Hauses für die Dauer der Bauarbeiten umziehen. Im Film werden auch eindrucksvolle Beispiele gezeigt, wie Dachaufbauten miteinander verbunden werden können. So entstehen auf den Dächern kleine Dörfer oder Parks, in denen man verweilen kann. Zwar steht eine Metropole wie Singapur ganz sicher nicht stellvertretend für euopäische oder gar deutsche Städte, aber OCBC Skyways wie in Singapur wäre vielleicht auch hier, in abgeändertem und verkleinertem Maßstab, vielleicht auch möglich. Das wäre zumindest eine Attraktion. 😉
Porthouse Antwerpen – zaha hadid architects
Auch das im Titelbild zu sehende Porthouse in Antwerpen wird in der Doku erwähnt. Es ist mit dem spektakulärem Aufbau ein Beispiel für eine raumbildende Erweiterung. Das Gebäude ist Headquarter des Unternehmens Portuaire mit über 500 Mitarbeitern. Die ganze Gebäuderweiterung nutzt den Innenhof als Tragfläche der zwei Pylonen. Dadurch scheint der mit Galsflächen facettierte Aufbau über dem Dach zu schweben. Ist es ein Schiff oder ist es ein Diamant? Vermutlich eine gelungene Kobination aus beidem. Antwerpen ist einer der größten Häfen der Welt und gleichzeitig Diamantenstadt. Zaha Hadid bzw. ZH architects haben ihre monumentalen Bauwerke wie kostbare Perlen über den ganzen Erdball verteilt. Und auch hier kann man sehen, dass mit einer Nachverdichtung nicht nur mehr Raum geschaffen wurde, sondern gleichzeitig auch eine Aufwertung in Form eines einzigartigen Symbols, ein Wahrzeichen der Stadt. Und das ohne das historische Gebäude darunter anzufassen oder zu verändern.
Fazit
Allerdings, und das ist an dieser Stelle meine persönliche Meinung, weiß ich nicht, ob all die in der Dokumentationsreihe gezeigten wunderbaren bis spektakulären Lösungsansätze lediglich die Symptome eines kranken Planeten behandeln – so sehr ich diese Nachverdichtungen auch bewundere. Architektur ist kreativ und findet bauliche Lösungen für bauliche Probleme. Es sind tolle Ergebnisse auf den Dächern entstanden, es ist schön, dass wir so eindrucksvoll aufstocken und unter der Erde bauen können, aber: ist das die Medizin für die eigentliche Ursache?
Der fehlende Platz für immer mehr Menschen ist nicht das Problem, es sind die Folgen eines Problems, verursacht durch eine immer größer werdende Menschheit. Zu viele Menschen verbauen und verbrauchen zu viel wertvollen Lebensraum. Not macht erinderisch und die technisch, architektonisch und städteplanerisch anspruchsvollen Lösungen sind aus der Not geboren. Sie schaffen nicht nur weiteren Lebensraum sondern werten auch den vorhandenen auf, indem sie vertikale Ressourcen über den Dächern und unter der Erde nutzen.
Weniger Menschen jedoch würden die Probleme erst gar nicht entstehen lassen. Wenn die Bevölkerung auf der Erde so weiter wächst wie bisher, werden auch die vertikalen Ressourcen irgendwann zuneige gehen. Aber wohnen wir dann alle schon unter dem Meer.
